Wandern in Irland – Wenn der Verstand plant

Lieber Chaot in mir,

Ein Baum der sich der Naturgewalt gebeugt hat 

für meine Reise nach Irland beschloss ich die ersten paar Tage zu wandern. So wollte ich einen freien Kopf bekommen, da der doch von täglichen Routinen und meinem vollen Terminkalender zu Hause eher voll und eingeschränkt war. Außerdem wollte ich so schneller in den Rhythmus der Insel fallen. Es war in diesem Gedankenchaos, das ich meine allzu ambitionierte 3-Tage Wanderung geplant hatte. Angefangen damit den ersten Tag, erst um 14 Uhr anzufangen, da mein Bus erst dann ankam, mit stolzen 27 km vor mir. Go me!

Was habe ich nur dabei gedacht? Letztes Jahr, bei einer Hochalpinen Hüttenwanderung, waren 14 km das längste und am Ende war ich total fertig – auch bei den kürzeren Wanderungen. Zusätzlich habe ich mich wochenlang darauf vorbereitet. Meine Logik basierte auf etwas wie, ach, da war ich viel höher, außerdem bin ich Berge hoch und runter gekraxelt. Irland ist ja flach. Mmh, klar. Nach 11 km haben mich meine Füße wissen lassen, dass sie jetzt gerne ankommen würden.

Natürlich war das nicht der einzige Punkt, lieber wirrer Kopf, wo ich total verplant war. Mittagessen? Snacks? Wer braucht den sowas für eine lange Wanderung! Dies war auch etwas, was letztes Jahr auf der Reise so vorsichtig geplant war. Verpflegung, wie auch Blasenpflaster, Rucksachhülle falls es regnet… dies‘ Mal – nichts, ich kann mich wohl glücklich schätzen, dass ich meine Wanderschuhe dabei hatte.

Der Anfang vom Marsch führte mich durch Weiden und Nachbarschaften an Irlands Westküste, keine Supermärkte, keine Bäckereien, zwei Mal falsch abgebogen, was noch mehr Distanz zu meine Strecke dazufügte. Aber fast alle die an mir imn Autos vorbeigefahren sind, haben gewunken, die Iren sind so freundlich! Zum Glück lagen die Cliffs of Moher auf meiner Strecke und die sind ja eine riesige Touristenattraktion. Ich wanderte die Küste entlang Richtung Norden, bewunderte die Aussicht und endlich kam ich zum Touristenzentrum. Essen!                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Doolin am Horizont

Mit neu gefundener Energie und Motivation wanderte ich weiter. Die Natur lenkte mich von meinen schmerzenden Füßen und müdem Körper  ab. Bald sah ich mein Ziel, auch wenn noch ein wenig dunstig – Doolin – aber ich konnte es sehen. Als ich mein Ziel erreichte, kam mir Musik aus verschiedenen Ecken entgegen. Es war Dollins Volksfest, wer hätte das gedacht? Ich bin so ein Glückspilz! Ich hab‘ meinen eigenen Soundtrack während ich mich triumphierend durch das Dorf schleppte, innerlich strahlte ich vor Freude.

Also wo war jetzt mein B&B? Noch 30 Minuten weiter weg. Auf meinem Weg dahin, kam ich an einem Schild vorbei auf dem stand, dass die Küche nur bis 21:30 geöffnet war – es war fast neun. Als ich endlich in meinem B&B ankam, erschöpf, schmutzig und sehr hungrig, war meine erste Frage ob das, was auf dem Schild stand, überall galt. Als mein Begrüßungskomitee dies bestätigte war ich völlig niedergeschmettert. Ohne Dusche würde ich ganz bestimmt jetzt nicht zurückgehen, und ich war mir nicht sicher ob ich meine neue Deadline schaffen würde.

Ich zwang mich dazu meine wundervolle, entspannende, stärkende, warme Dusch extrem kurz zu halten. In weniger als 10 Minuten war ich fertig. Wer sollte genau in dem Moment durch die Tür kommen? Die Dame des Hauses. Sie begrüßte mich herzlich und sah mich mitleidvoll an. Warum hatte ich nicht angerufen, sie hätte mich abgeholt, ich hätte nicht laufen müssen, die Verwirrung stand ihr im Gesicht geschrieben. Müdigkeit übernahm mich und Tränen schossen mir in die Augen aus Angst, dass ich heute nichts mehr zu essen bekommen sollte. Ich konnte ihr nicht erklären, dass zu Fuß laufen der Sinn von Wandern ist, schaffte es aber sie zu bitten mich zum nächsten Pub zu bringen.

Gerade noch so, habe ich es geschafft und meine Anspannung verschwand. Live Musik hatte gerade angefangen zu spielen. Die Kneipe war gerammelt voll, die Atmosphäre war gut. Mein einziges Ziel für den restlichen Abend war nicht mehr auf meinen Beinen stehen zu müssen. Also setzte ich mich an den Tisch genau neben der Tür zu ein paar Einheimischen, zeigte auf das Essen meines Nachbarn, das wollte ich auch – Fish and Chips. Nach einer Weile gingen die netten Leute und eine Gruppe amerikanischer Väter setzte sich dazu. Nachdem mein Hunger gestillt war und nach den unterschiedlichsten Gesprächen überkam mich ein Gefühl von Dankbarkeit. Ich habe den Rhythmus der Insel gefunden und das an meinem ersten Tag. Mich hat sogar jemand zurück zum B&B gefahren.

Küsse

Hanna

PS.   Den Rhythmus findet man leichter als man denkt!